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Grosse Klappe, nix dahinter: Der angebliche Durchbruch in der Forschung mit embryonalen Stammzellen existiert nicht!

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24.08.2006 / USA, Worcester (Massachusetts)
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Einmal mehr herrschte unter den Massenmedien grosses Frohlocken, denn es sei ein Durchbruch in der Stammzellenforschung zu vermelden. Es hiess, der Firma Advanced Cell Technology (ACT) sei es gelungen, aus einzelnen menschlichen Embryonen mit nur einer Blastomere im frühen mehrzelligen Entwicklungsstadium eine Stammzelllinie zu entwickeln. Allerdings ist der Erfolg auf den zweiten Blick nicht so überwältigend, denn aus 16 Embryonen liessen sich nur zwei Stammzelllinien entwickeln. Wie sich unterdessen herausgestellt hat, wurden diesen 16. Embryonen insgesamt 91 Blastomeren entnommen. Damit ist das Verfahren völlig unbrauchbar. Der Nachweis für die Tauglichkeit wurde entgegen der vollmundigen Ankündigung gar nicht erbracht.
Sollte aber ein solches Verfahren trotzdem einmal Anwendung finden, würde man nur jenen Embryonen eine Chance für einen Transfer in die Gebärmutter geben, von denen erfolgreich eine Stammzelllinie erzeugt worden ist. Die Diskriminierung von lebenswerten und lebensuntwerten Embryos ginge also weiter. Ausserdem harren folgende Probleme weiterhin einer Lösung: Die Neigung nicht differenzierter embryonaler Stammzellen zur Tumorbildung, die gezielte Differenzierung der Stammzellen in genau den gewünschten und für eine Transplantation geeigneten Zelltyp. (Editiert am 25./28./29.8.2006)
Die Firma Advanced Cell Technology hat das nun beim Menschen angewandte Verfahren bei Mäusen im Oktober 2005 in Nature Online publiziert. Aus 12 von 125 Mäuseembryonen konnten Stammzelllinien entwickelt werden. Beim Menschen ist die Ausbeute ähnlich, wenn nicht sogar wesentlich geringer.

Selbst Genforscher Hans Schöler äussert Zweifel gegenüber der Publikation (25./28.8.2006)
Nach den Informationen, über die der Genforscher Hans Schöler verfügt, wurde lediglich der Eindruck erweckt, aus 16 Embryonen und jeweils einer Blastomere seien insgesamt zwei Stammzelllinien erzeugt worden. Wie das Fachmagazin Nature unterdessen auch zugeben musste, sind letztendlich aus 91 Blastomeren zwei Stammzelllinien abgeleitet worden.
Die folgende Tabelle, die Online als Supplement zugänglich ist, zeigt klar auf, dass da sicher kein Durchbruch erreicht worden ist. In allen 10 Experimenten sind 8-10-Zell-Embryonen benützt worden. Da wo eine Stammzelllinie erzeugt werden konnte, waren es jeweils zwei solche Embryonen. Entnommen wurden insgesamt 11 bzw. 12 Blastomeren. Es fehlt leider die Angabe, wieviele Blastomere im einzelnen Embryo jeweils übrig geblieben sind. Es dürfte sich um weniger als die Hälfte handeln! Damit haben die Forscher der Firma ACT lediglich den Nachweis erbracht, dass es im 8-10-Zellstadium möglich ist, mit mehr als der Hälfte der Blastomere eines Embryos, eine Stammzelllinie zu erzeugen - mehr nicht! Keine Frau wäre ernsthaft anzuraten, einen solchen Embryo mit einem so hohen Verlust an Blastomeren, noch zu transferieren.

Tabelle 1 im Supplement : Embryonic stem-cells derived from single human blastomeres

Exp.
No.

No.
embryos used

No.
blastomeres retrieved

No.
blastomeres that divided

No.
outgrowths

No. ES cell–like outgrowths

No. ES cell lines established

Comments

1

2

10

4

1

0

0

w/o ES co-culture

2

1

6

3

0

0

0

w/o ES co-culture

3

2

11

6

5

4

1

ES co-culture

4

1

7

6

1

1

0

ES co-culture

5

2

12

7

3

3

0

ES co-culture

6

2

12

7

5

4

1

ES co-culture

7

2

11

7

4

3

0

ES co-culture

8

1

6

3

0

0

0

ES co-culture

9

1

4

3

3

2

0

ES co-culture

10

2

12

7

6

2

0

ES aggregation (differenttechnique)

Total

16

91

53

28

19

2

 



Lanza veröffentlichte Foto aus anderen Experimenten (29.08.2006)
Wie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu lesen war, räumte auf Nachfrage "Nature" ein, dass kein Embryo bei den Experimenten intakt geblieben sei. Die Zeitschrift bestätigte auch, daß das veröffentlichte Foto eines fünf Tage alten Embryos nicht von den in der Arbeit verwendeten Embryonen stammt. Damit sind nun die einander konkurrierenden Fachmagazine "Nature" und "Science" beinahe quitt. Science musste zwei Publikationen des Klonforschers Woo Suk Hwang zurückziehen und sich den Vorwurf gefallen lassen, die Publikationen zuvor zu wenig eingehend geprüft zu haben. Was nun "Nature" unterlaufen ist, ist nach den Vorkommnissen bei "Science" mehr als nur peinlich. Die Tatsache, dass das Fachmagazin "Nature" den Forschern von ACT erlaubte, einen solch reisserischen Titel zu verwenden, der nichts von dem hält, was er verspricht, lässt einmal mehr den Verdacht aufkommen, dass es hier nicht in erster Linie um Erkenntnisse in der Forschung geht, sondern um Forschungspolitik, in diesem Fall um Werbung für die Forschung mit embryonalen Stammzellen auf Kosten unzähliger menschlicher Embryonen. ACT verfolgte mit der Publikation zwei Ziele: Die Erhöhung ihrer Aktienkurse und den amerikanischen Präsidenten unter Druck zu setzen, damit er nach seinem Veto doch noch staatliche Forschungsgelder für ihre Projekte locker macht.

Bei der Präimplantationsdiagnostik genügt die Analyse einer einzelnen Zelle nicht! (24.08.2006)
Neben dem Problem, dass es nicht zu 100% gelingt, aus jedem einzelnen Embryo mittels einer einzigen Blastomere eine Stammzelllinie zu generieren, stellt sich die Frage, ob diese einzelne Zelle tatsächlich den Embryo repräsentiert. Von der Präimplantationsdiagnostik her ist bekannt, dass viele der frühen Embryonen mosaik sind, d.h. nicht alle Zellen sind gleich geartet. Daher werden bei der PID in der Regel nicht eine, sondern zwei Zellen entnommen und genetisch untersucht. Wenn der Embryo mosaik ist, können sich hier wiedersprüchliche Resultate ergeben. In diesem Fall wird der Embryo im Rahmen der PID nicht transferiert, sondern "sicherheitshalber" (!) vernichtet.

Quelle/Links:

Hänggi Marcel, «Gut verpackte heisse Luft»: Die Wochenzeitung vom 9. Sept. 2006.
Abbott Alison, 'Ethical' stem-cell paper under attack: Nature 443, 7. Sept. (2006) 12. Eine eher beschönigende Reaktion Natures, die kein Wort über das von Lanza publizierte Foto einer schlüpfenden Blastozyste eingeht.
Volker Stollorz, Kein Beleg für „ethisch saubere Stammzellen: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006, Nr. 34 / Seite 57
dpa/yahoo Vatikan kritisiert neues Verfahren zur Gewinnung embryonaler Stammzellen. 27.08.2006
dpa/yahoo Max-Planck-Direktor zweifelt an US-Stammzellerfolg. 25.08.2006
fba/dpa, Zweifel an Stammzellen-Sensation. Spiegel Online 24.8.2006
Hoborn Barbara, Ethisch entschärfte Stammzellen. FAZ 23.08.2006
Irina Klimanskaya, Young Chung, Sandy Becker, Shi-Jiang Lu and Robert Lanza, Human Embryonic Stem Cell Lines Derived from Single Blastomeres: Nature 23. Aug. (2006) Online.
Young Chung, Irina Klimanskaya, Sandy Becker, Joel Marh, Shi-Jiang Lu, Julie Johnson, Lorraine Meisner and Robert Lanza, Embryonic and Extraembryonic Stem Cell Lines Derived from Single Mouse Blastomeres: Nature 16. Okt. (2005) Online, Nature 439, 12. Jan. (2006) 216-219
Kuo H.C., Ogilvie C.M., Handyside A.H., Chromosomal Mosaicism in Cleavage-Stage Human Embryos and the Accuracy of Single-Cell Genetic Analysis: J Assist Reprod Genet 15 (5) (1998) 276-280.

Kategorie: Stammzellen (embryonale)

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